Brief von Mitgliedern des Forschungsverbunds für Künstlerpublikationen des Museums Weserburg Bremen

an

Herrn
Jens Böhrnsen
Bürgermeister der Freien Hansestadt Bremen
Kultursenator
Rathaus
Am Markt 21
28195 Bremen

Studienzentrum für Künstlerpublikationen: Forschungsmuseum in Gefahr

Sehr geehrter Kultursenator
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Böhrnsen,

in der aktuellen Diskussion um die Zukunft des von Dr. Anne Thurmann-Jajes geleiteten Studienzentrums für Künstlerpublikationen wenden wir uns besorgt an Sie. Durch unsere Tätigkeit stehen wir in engem Kontakt mit dem Studienzentrum und können Ihnen Einblicke schildern, die in den offiziellen Stellungnahmen der Museumsleitung Weserburg nicht unbedingt auftauchen.

Die Unterzeichnenden sind allesamt Mitglieder des Forschungsverbunds Künstlerpublikationen, einer Vereinigung von Wissenschaftlern verschiedener Hochschulen und dem Feld der Künstlerpublikationen verbundenen Personen aus Bremen, Köln, Berlin, Hannover und weiteren Städten. Die einzigartigen Sammlungsbestände des Studienzentrums bilden den Fokus unseres wissenschaftlichen Ansatzes. Mit Studierenden sichten und nutzen wir die Bestände vor Ort, in internationalen Symposien und Publikationen eröffnen sich erhellende Ansätze zur Erforschung und zur Vermittlung eines bisher viel zu wenig beachteten Feldes der Kunstgeschichte. Ausstellungen sind dabei ein zentraler Faktor der aufarbeitenden Forschung, nicht zuletzt im Hinblick auf eine interessierte Öffentlichkeit. Die Universität Bremen ist neben dem Museum für moderne Kunst schon jetzt Mitträgerin des Studienzentrums.

Herr Carsten Ahrens, Direktor des Museums Weserburg, ist ebenfalls Mitglied im Forschungsverbund. Allerdings haben wir ihn auf unserer letzten, im November 2012 stattfindenden Mitgliederversammlung gerade angesichts der schon zu jener Zeit laufenden Standortdebatte vermisst. Anne Thurmann-Jajes informierte die Mitglieder auf dieser Sitzung über das, was ihr Museumsleitung und Stiftungsratsvorsitzender seit September 2012 deutlich sagten – nämlich dass das Museum plane, die Finanzierung des Studienzentrums 2014 einzustellen. In den Raumplanungen eines Um- oder Neubaus seien keine Räumlichkeiten für das Studienzentrum vorgesehen. (Ein Widerspruch zu dem entsprechenden Protokoll erreichte uns nicht).

Mittlerweile betont die Museumsleitung nach außen, dass es keine Pläne gebe, das Studienzentrum „abzustoßen“. Man gehe davon aus, dass es wie bisher Teil der Weserburg bliebe. Eine eigene Stimme wird dem Studienzentrum dabei zunehmend verwehrt, da es ja „eine Abteilung“ der Weserburg sei. Rein rechtlich mag das so sein, de facto ist es aber neben dem Museum für moderne Kunst stets die zweite wesentliche Säule des Hauses gewesen, mit einer quasi eigenen Infrastruktur, mit einem eigenen Ausstellungsprogramm, mit einer eigenen Ausrichtung und nicht zuletzt seit Gründung 1999 mit der Leiterin Anne Thurmann-Jajes, der es über Jahre gelungen ist, mit rund einer Million an eingeworbenen Drittmitteln die Arbeit des Studienzentrums zu sichern und voranzubringen. Das in Bremen ansässige Studienzentrum hat ein europaweites, wenn  nicht weltweites Alleinstellungsmerkmal!

Die gegenwärtigen Äußerungen der Museumsleitung können wir nur als durchsichtige Beschwichtigungstaktik werten. Nach dem Wegfall der mäzenatischen Zuwendung wird das Haus vor enormen finanziellen Problemen stehen. Bereits in diesem Jahr ist das mehr als deutlich. Alle weiteren geplanten Ausstellungen des Studienzentrums können nicht stattfinden. Gewachsene mehrjährige Kooperationen, wie z.B. mit dem Literaturfestival poetry on the road brechen somit ab. Weitere Ausstellungskooperationen anlässlich des deutsch-brasilianischen Jahres und des deutsch-russischen Jahres (mit der Universität Perm/Russland) sind ebenfalls nicht möglich. Also schon gegenwärtig ist die Grundfinanzierung des Studienzentrums – und dazu gehören eben auch Ausstellungsmittel – nicht mehr gewährleistet.

Frau Thurmann-Jajes hat ein gutes, vertrauensvolles Verhältnis mit der Universität Bremen, der Hochschule für Künste und weiteren Institutionen aufgebaut. Sie ist sich der finanziellen Lage durchaus bewusst, hat aber Ideen, Visionen und Perspektiven, das Studienzentrum mit Hilfe verschiedener Kooperationspartner auf eigenständige Füße zu stellen. Der Anteil der städtischen Grundfinanzierung, der zurzeit über die Weserburg dem Studienzentrum zukommt, ist allerdings eine unerlässliche Basis für den sicheren Weiterbestand.

Die Zukunft des Studienzentrums kann nur mit dem Studienzentrum verhandelt werden! Wir setzen uns dafür ein, dass Frau Thurmann-Jajes in alle Gespräche diesbezüglich einbezogen wird. Nur mit der Unterstützung der Stadt Bremen kann es gelingen, alle Kooperations- und möglichen Finanzpartner an einen Tisch zu bringen und das Studienzentrum so aufzustellen, dass es auch in Zukunft seiner Verantwortung für die Sicherung von Kulturgut nach den internationalen Museumsrichtlinien und –standards gerecht werden kann: Als Forschungsmuseum, in dem Aufbewahrung, Ausstellung, Forschung und Vermittlung der Sammlung in angemessenen Räumen möglich sind.

Bitte setzten Sie sich in diesem Sinne für den unabhängigen Fortbestand der Einrichtung unter Leitung von Anne Thurmann-Jajes ein.

Mit freundlichen Grüßen,

Unterzeichner und Unterzeichnerinnen:

Prof. Dr. Immacolata Amodeo
Jacobs University Bremen

Prof. Dr. Thomas Deecke
Berlin

Prof. Dr. Ursula Frohne
Universität zu Köln

Dr. Annette Gilbert
Peter-Szondi-Institut / Freie Universität Berlin

Prof. Dr. Michael Glasmeier
Hochschule für Künste Bremen

Prof. Jean-François Guiton
Hochschule für Künste Bremen

Dr. Sabine Hänsgen
Humboldt-Universität zu Berlin

Prof. Katharina Hinsberg
Hochschule der Bildenden Künste Saar

Christian Katti
Köln

Jee-Hae Kim
Universität zu Köln

Cordelia Marten
Berlin

Tania Müller
Bielefeld

Prof. Dr. Irene Nierhaus
Universität Bremen

Prof. Dr. Maria Peters
Universität Bremen

Prof. Tania Prill
Hochschule für Künste Bremen

Dr. Kornelia Röder
Schwerin

Sarah Rothe
Universität Bremen

Prof. Dr. Sigrid Schade
Zürcher Hochschule der Künste

Mona Schieren
Hochschule für Künste Bremen

Prof. Dr. Wolfgang Schlott
Bremen

Guy Schraenen
Paris

PD Dr. Ruth Wöbkemeier
Universität Bremen